Kanzelworte
Hier sind in laufender Abfolge einige Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Manfred Trümer in Gottesdiensten bzw. Domandachten gehalten wurden.
Für Besucher der Stiftskirche liegen diese Predigten jeweils auch in gedruckter Form zum Mitnehmen aus.
Ältere Predigten finden Sie im » Archiv.
Neu sind die » Osterandachten, die » Passionsandachten und die » Andachten zu den 4 Jahreszeiten.
- Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt am 17.05.2012
- Konfirmandengottesdienst mit Abendmahl 13.05.2012
- Kurzansprache für die Domandacht am 12.05.2012
Predigt für den Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt am 17. Mai 2012, 10 Uhr auf dem Domplatz
» Predigttext: Offenbarung 1,4-8

Liebe Gemeinde!
Hier lieg ich auf dem Frühlingshügel;
Die Wolke wird mein Flügel.
So beginnt ein Frühlingsgedicht von Eduard Mörike – jenem Kollegen von mir, der lieber Gedichte geschrieben als Predigten gehalten hat.
Nun liegen wir heute zwar nicht wie Mörike in seinem Pfarrgarten auf einem Frühlingshügel, aber wenn wir Glück haben, feiern wir heute unseren Gottesdienst im Freien und sehen über uns nicht das achtzehn Meter hohe Gewölbe unseres Domes, sondern ein Gewölbe, dessen Anfang und Ende unser Auge nur ahnen kann. Wie ein Teppich spannt sich der Himmel über uns aus. Wir beobachten das Vorbeiziehen der Wolken, die unsere Gedanken hinausfliegen lassen in die Ferne, in die es uns in diesen Frühlingstagen wieder zieht. So wie es in dem alten, uns bekannten Mailied heißt: „Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt, so steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.“
Und so werden uns – um das Bild des Dichters aufzunehmen - die Wolken zu Flügeln, die unsere Gedanken forttragen hinaus in ferne Gefilde.
Das muss schön sein, sich von den Wolken forttragen zu lassen. Und man wird da an das Lied von Reinhard Mey erinnert, wonach über den Wolken die Freiheit grenzenlos sein muss. Auf den Wolken dahinzuschweben, das muss ein ganz ähnliches Gefühl sein, denke ich.
Weniger schön ist es allerdings, wenn man aus allen Wolken fällt. Manche sagen zum Beispiel scherzhaft, vor der Ehe tanze man in den siebenten Himmel hinein, aber in der Ehe falle man dann aus allen Wolken ...
Also: Aus allen Wolken fallen, das möchte keiner so gern. Denn das heißt, aus seinen Träumen gerissen zu werden, desillusioniert zu sein, in seinen Sehnsüchten und Wünschen enttäuscht zu werden.
Denn der Himmel mit seinen Wolken ist immer auch ein Symbol nicht nur für Weite und Freiheit, sondern auch für Glück, Liebe, Freude und Geborgenheit Wenn ich im siebenten Himmel bin, dann bin ich glücklich, dann geht es mir gut, dann bin ich am Ziel meiner Träume und Sehnsüchte. Das sind dann Augenblicke, die ich am liebsten festhalten möchte, weil sie so schön und selten sind.
Aber man kann diese himmlischen Momente nicht festhalten. Sie zerrinnen uns unter den Händen wie die vergehende Zeit. Irgendwann befindet man sich wieder mit beiden Beinen auf der Erde. Und was bleibt, ist nur die Erinnerung, die – nach den Worten des Dichters Jean Paul das einzige Paradies ist, aus dem wir Menschen nicht mehr vertrieben werden können. Die Erinnerung und die Sehnsucht – die Sehnsucht nach himmlischen Augenblicken und Erlebnissen, in denen uns das Glück umhüllt und wir alles Traurige und Belastende verlassen können.
Aber je höher man steigt in seinen Gedanken und Gefühlen, desto tiefer kann man auch wieder fallen – aus allen Wolken fallen, wie wir zu sagen pflegen.
Himmel und Wolken spielen auch in der Himmelfahrtsgeschichte eine bedeutende Rolle. Eine Wolke hüllt den scheidenden Jesus ein und entzieht ihn den Blicken seiner Jünger. Eine Wolke wird ihm zum Flügel für seine Heimkehr zu Gott.
Mit Romantik hat das zunächst wenig zu tun. Sondern eher mit Abschied und Traurigkeit. Er ist weit weg von seinen Freunden, nicht mehr greifbar, nicht mehr sichtbar, unerreichbar und fern ... So unerreichbar und fern wie Gott selber. Man kann ihm wie den Wolken nur noch nachsinnen, hinter ihm herschauen ...
In unserem Predigttext aus der Johannes-Offenbarung wird nun aber ein Gegenbild gezeichnet. Hier trägt ihn keine Wolke fort, sondern hier kommt er mit den Wolken zurück. Er fällt nicht aus allen Wolken, sondern er kommt in einer Wolke zu uns, um uns nahe zu sein, um bei uns zu sein.
So betrachtet bedeutet Himmelfahrt dann nicht: Fortgehen, Abschied nehmen, davonziehen wie die Wolken am weiten Horizont, sondern wiederkommen, bei uns bleiben – für immer. So wie er es gesagt hat, bevor er ging: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Eine Wolke, die nicht verhüllt, sondern offenbart, uns schauen lässt, was wir glauben. Eine Wolke, die uns den schauen lässt, der Anfang und Ende ist, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem.
Heißt das, dass wir nun den „Himmel auf Erden“ haben? Natürlich nicht, liebe Gemeinde. Himmel und Erde mögen sich hier und da – in seltenen Momenten unseres Lebens – einmal berühren. Aber Himmel und Erde bleiben voneinander getrennt, lassen sich nicht miteinander vermischen. Und nur Scharlatane gaukeln uns vor, die Erde in einen Himmel verwandeln zu können. Wenn es in der DDR – getreu der marxistischen Ideologie folgend – den Slogan gab „Die Welt soll unser Himmel sein“, dann war für jeden dieser Irrtum mit Händen greifbar. Alle menschlichen Versuche, den Himmel auf die Erde zu holen, haben stets dazu geführt, uns Menschen die Hölle auf Erden zu bereiten.
Nein, wir bleiben auch nach Himmelfahrt mit beiden Beinen auf der Erde und lassen uns von niemandem das vollkommene Glück vorgaukeln und das Blaue vom Himmel versprechen. Aber wir wissen auch, dass diese Erde, auf der wir leben, nicht das Einzige und Letzte ist. Und dass die Herren und Mächtigen dieser Welt kommen und gehen. Aber einer bleibt – der, dessen Kommen wir heute feiern. Denn heute ist kein Abschiedstag, sondern Himmelfahrt ist der Beginn seiner Herrschaft, die kein Ende hat.
„Jesus Christus herrscht als König. Alles ist ihm untertänig. Alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen: Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.“
So heißt es in einem unserer bekannten Himmelfahrtslieder.
Ein kühnes Bekenntnis und eine geradezu unverschämte Hoffnung in einer Welt, in der doch offensichtlich ganz andere Herren und Mächte das Sagen haben.
Jesus Christus herrscht als König – und das in einer Welt, in der Profit und Machtgier den Ton angeben. In einer Welt, in der uns die Angst fest im Griff zu haben scheint – die Angst vor Krankheit und Leid, vor Elend und Not, vor einer Zukunft, von der keine weiß, wie sie aussieht, von der aber die meisten fürchten, dass sie nicht besser, sondern schlechter ist als Gegenwart und Vergangenheit ... In einer Welt, in der die Starken und Erfolgreichen, die Tüchtigen die Ellenbogen-Menschen meistens ganz oben sind, während die Schwachen, die Versager, die Gescheiterten, die Verlierer auf der Strecke bleiben. In einer Welt, in der es ein Oben und ein Unten gibt, einen Himmel und eine Hölle, viele Himmel und viele Höllen, die wir uns selbst bereiten. Eine Welt, in der die einen im Licht sind und die anderen im Schatten..
Jesus hat uns nie im Unklaren darüber gelassen, was das für eine Welt ist, in der wir leben. Nämlich eine Welt, in der die Angst unser ständiger Begleiter ist. Und doch ist diese Welt mit all ihrer Angst überwunden. Überwunden durch die Kraft seiner Liebe, denn Furcht und Angst sind nicht in der Liebe. Eine Liebe, die grenzenlos ist, die ungehindert in die weite Welt hinauszieht wie die Wolken am Horizont. Ja, so wie der Himmel über allen aufgeht, so wie die Sonne für alle scheint – für Gute und Böse, für Gerechte und Ungerechte, so umhüllt Gottes Liebe seine ganze Schöpfung. Nicht nur die im Licht, sondern auch und gerade die, die im Schatten leben – im Schatten von Leid, Angst, Trauer, Hunger, Elend und Tod. Nicht nur die Starken und Erfolgreichen, sondern gerade die Schwachen und Ohnmächtigen. Denn der Herr dieser Welt ist doch niemand anders als der, der Karfreitag am Kreuz hing. Der oben bei Gott ist, das ist niemand anders als der, der ganz unten war. Der im Lichte Gottes steht, ja der selber das Licht der Welt ist, das ist niemand anders als der, der die Schatten des Todes und der Angst aushalten musste bis zum bitteren Ende.
Ja, das ist die Botschaft des Himmelfahrtstages. Nicht: Er da oben und wir da unten. Sondern: Wir sind umgeben von einem Gott, der uns liebt. Und dessen Liebe uns hält und trägt über alle Abgründe dieser Welt hinweg – auch über den tiefsten und allerletzten, der sich vor einem von jeden von uns einmal auftun wird.
Ja, der Auferstandene ist bei Gott und damit auch bei uns – mitten in einer – wie es oft scheint – gottverlassenen Welt. Nein, wir sind keine gottverlassenen Geschöpfe. Er ist da – mitten unter uns. Nicht sichtbar, aber doch erfahrbar. Nicht beweisbar, aber glaubhaft. Er ist vor uns, um uns den rechten Weg zu zeigen. Er ist neben uns, um uns in die Arme zu schließen und uns zu schützen. Er ist hinter uns, um uns zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen. Er ist unter uns, um uns aufzufangen, wenn wir hinfallen. Er ist in uns, um uns zu trösten, wenn wir traurig sind. Er ist um uns herum, um uns zu verteidigen, wenn andere über uns herfallen. Er ist über uns und blickt auf uns herab mit Gedanken voller Liebe und Freundlichkeit.
Wer darauf vertraut, der muss nicht nur nach oben schauen, um den Himmel sehen zu können. Wo einer glaubt, hofft und liebt, wo einer im Gesicht seiner Mitmenschen die Schwester und den Bruder erkennt, da schaut er geradewegs in den Himmel hinein. Und da kann man dann tatsächlich spüren, dass Gottes Güte so weit reicht, wie der Himmel ist und seine Wahrheit, so weit die Wolken gehen. Da werden Sehnsüchte wahr und gehen Träume in Erfüllung. Da müssen wir nicht aus allen Wolken fallen, weil wir mit beiden Beinen auf der Erde stehen und uns trotzdem wie im Himmel fühlen. Denn wo die Liebe in uns und unter wohnt, da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Kurzansprache für den Konfirmandengottesdienst mit Abendmahl am Sonntag, den 13. Mai 2012, 10 Uhr im Kaiserdom zu Königslutter
» Text: Römer 15,7

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, liebe Gemeinde!
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Und wenn man eine Konfirmandenfreizeit hinter sich hat, erst recht ...
Und da gäbe es ja so manches zu erzählen. Über abgebrochene Wasserhähne und kleine Überschwemmungen, über unhygienische Verhältnisse beim Mittagessen, Zusammenstöße mit Deckenlampen, über Auseinandersetzungen mit dem Herbergspersonal, steile Wege auf der Wanderung, Grillen bei Nieselregen usw. Also – die Jugendherberge war – zugegebenermaßen – nicht das „Gelbe vom Ei“, aber im Februar fahren wir dann ja auch woanders hin.
Und natürlich so die kleinen Reibereien, die es da auch zwischen euch gegeben hat. Konfirmanden, die dann aus dem Zimmer mit den lauten Zimmergenossen ausgezogen sind, weil sie nachts nicht schlafen konnten.
Aber so ist das nun einmal: Wenn 27 Konfirmanden und sechs Betreuer ein Wochenende zusammen verbringen, dann kann es nicht immer schön und harmonisch zugehen. Wobei es da natürlich auch Grenzen gibt, und wo diese Grenzen überschritten werden, muss das selbstverständlich auch Konsequenzen haben. Aber dass es so die üblichen Querelen gibt zwischen euch Konfirmanden, aber auch zwischen euch und uns Erwachsenen, das ist ja für euch nichts Neues. Das kennt ihr ja von der Schule und auch von zu Hause. Wo Menschen täglich zusammenleben, gibt es auch Konflikte und Auseinandersetzungen. Das ist so zwischen Klassenkameraden, zwischen Geschwistern und auch zwischen Eltern und Kindern.
Vielleicht bemüht ihr euch ja heute am Muttertag, besonders nett zu euren Müttern zu sein. Aber spätestens morgen ist das wahrscheinlich schon wieder ganz anders. Denn ihr seid ja jetzt in einem Alter, in dem man den Erwachsenen im Allgemeinen und den Eltern und Lehrern im Besonderen sehr kritisch gegenüber steht. Es muss ja nicht immer gleich so drastisch ausgesprochen werden wie in einer kleinen Geschichte, die ich einmal gelesen habe.
Da betrachtet ein Vater mit seinem fünfjährigen Jungen friedlich das Meer. Da sagt der Kleine zu ihm: „Du, Papa, weißt du, was ich ganz toll fände? Wenn Mama, du und ich in einem Boot aufs Meer hinausführen, nur wir drei allein.“ Der Vater ist ganz gerührt. „Natürlich, mein Kleiner, das machen wir auch bald mal.“ „Und wenn wir ganz weit draußen sind“, phantasiert das zarte Geschöpf weiter, „dann werfe ich euch beide ins Wasser, damit ihr ertrinkt.“ „Aber, mein Lieber, warum das denn?“, ruft der entsetzte Vater aus. „Ja, Papa, weißt du denn nicht, dass ihr Eltern uns manchmal fürchterlich auf den Wecker geht?“
Also – wenn Eltern schon einem Fünfjährigen so auf den Wecker gehen, dann kann man sich vorstellen, wie das erst bei 12 und 13-jährigen sein mag.
Aber glaubt mir, liebe Konfirmanden: Euren Eltern und uns geht das umgekehrt manchmal ganz genauso. So ein Heranwachsender kann auch ganz schön anstrengend sein und unsere Nerven strapazieren.
Das hat ja nichts damit zu tun, dass wir einander nicht gern haben. Selbst wenn man einander gern hat, geht man sich manchmal auf den Geist. Das eine schließt das andere nicht aus. Und gerade Konflikte zwischen Eltern und Heranwachsenden sind ja etwas ganz Normales. Wir Erwachsenen brauchen uns da nur mal an die Zeit zu erinnern, als wir so alt waren wie ihr. Sicher – manches war da anders, aber Konflikte hat es da auch schon gegeben. Unsere Eltern konnten mit unserer Musik – zu meiner Zeit waren gerade die Beatles und die Stones „in“ – genauso wenig anfangen wie wir heute mit der Musik der Pop-, Hip-Hop, und Heavy-Metal-Szene.
Also, Konflikte und Auseinandersetzungen gehören zum Leben dazu. Und es gehört auch zum Erwachsen-Werden dazu, dass man sich ihnen stellt und sie miteinander austrägt. Allerdings sollte man sich schon darüber unterhalten, wie man das tut. Und da kann uns vielleicht ein Wort aus der Bibel hilfreich sein.
„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, damit Gottes Herrlichkeit unter euch sichtbar wird.“ Diesen Satz hat der Apostel Paulus einmal im Römerbrief geschrieben.
Nehmt einander an. Das hört sich recht einfach an. Und das ist auch ganz einfach, wenn man mit Menschen zusammen ist, die einer Meinung sind, die einer Generation angehören, dieselbe Mode gut finden, dieselbe Musikgruppe cool finden, denselben Fußballclub favorisieren.
Aber wehe, wenn die Fans von Eintracht Braunschweig und dem VFL Wolfsburg oder Hannover 96 oder die Fans von Bayern München und Werder Bremen aufeinander treffen ... Oder wenn Vater sonntags „Tatort“ und Mutter „Rosamunde Pilcher“ gucken möchten ... Oder wenn eure Eltern den Piercing in der Augenbraue oder die rot oder blau gefärbten Haare nicht so cool finden wie ihr ...
Was heißt da einander annehmen? Ich will erst einmal sagen, was es nicht heißt. Es heißt nicht, dass wir alles gut und richtig finden müssen, was andere tun. Dass uns Erwachsenen alles gefallen muss. Umgekehrt natürlich auch nicht. Seid auf der Hut vor Erwachsenen, die meinen, sie müssten mit der Jugend gehen und alles toll finden, was ihr tut. Die haben entweder noch nicht begriffen oder akzeptiert, dass sie nicht mehr zu den Jugendlichen gehören, oder sie wollen irgendetwas von euch.
Nein, einander annehmen heißt nicht, den anderen für sich einnehmen und ihm immer recht zu geben. Einander annehmen heißt: einander ernst nehmen. Einander zu akzeptieren, auch wenn wir mal nicht einer Meinung sind. Einander das Wohlwollen nicht zu entziehen, auch wenn man sich im Augenblick gerade nicht riechen kann. Dann geht man sich eben mal eine Weile aus dem Weg.
Man sollte sich auch nicht ein Leben lang etwas nachtragen und vorwerfen. Das kommt in der Hitze des Gefechtes natürlich mal vor, dass man einander verletzt und wehtut und Dinge sagt, die einem Leid tun.
Aber vergessen wir eins nicht: Auch wir tun anderen weh. Und nicht nur die Anderen gehen uns auf die Nerven, auch wir gehen ihnen oft genug auf den Geist.
Und ich glaube, auch Gott gehen wir Menschen manchmal ganz schön auf den Wecker. Und trotzdem erträgt er uns mit unendlich großer Geduld. Auch wenn er ganz sicher nicht alles gutheißen kann, was wir Menschen tun, entzieht er uns nicht sein Wohlwollen. Woher wir das wissen? Wir brauchen uns ja nur mal daran zu erinnern, wie Jesus am letzten Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern umgegangen ist. Obwohl sie ihn wenig später alle verlassen haben, Petrus ihn verleugnet und Judas ihn verrät, hat er mit ihnen zusammen gegessen und getrunken. Und ihnen gesagt: Kommt, denn es ist alles bereit. Sehet und schmecket, wie freundlich Gott der Herr ist.
Und so lädt er uns heute auch wieder alle ein – Mütter und Väter, Konfirmandinnen und Konfirmanden, Erwachsene und Jugendliche, Freunde und Feinde, Menschen, die sich sympathisch finden, und solche, die sich nicht riechen können. Er lädt uns alle ein, an seinen Tisch zu kommen und uns von seiner Liebe beschenken zu lassen.
Vielleicht denken wir ja mal daran, wenn wir nachher nebeneinander stehen: Wir alle leben davon, dass wir von Gott und unseren Mitmenschen so getragen und ertragen werden, wie wir sind – auch mit unseren unsympathischen Zügen und Gewohnheiten. Vielleicht fällt es uns dann ja leichter, die Anderen genauso zu tragen und zu ertragen. Vielleicht gelingt es uns dann ja eher, im Umgang miteinander toleranter und rücksichtvoller zu sein – nicht nur heute am Muttertag. Man muss sich ja nicht gleich um den Hals fallen, aber man soll sich – bitte schön – auch nicht an die Gurgel gehen. Leben und leben lassen, weil Gott uns alle leben lässt – auch den, den wir nicht leiden können. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Königslutter
Kurzansprache für die Domandacht am 12. Mai 2012, 17 Uhr

Liebe Dombesucher,
wir feiern in diesem Jahr in unserer Kirchengemeinde viele Jubiläen – seit 25 Jahren erscheint unser Gemeindebrief, der „Dombote“, am Sonntag nächster Woche feiern wir das 25-jährige Bestehen unseres Männerkreises, und heute nun 25 Jahre Domandachten. Seit dem 30. Mai 1987 laden wir hier bei uns am Dom an jedem Sonntag von Anfang Mai bis Ende Oktober zu „30 Minuten Besinnung bei Wort und Musik“ ein. Seitdem sind die Domandachten eine feste Institution in unserer Gemeinde und erfreuen sich eines regen Zuspruchs. Und besonders beliebt sind sie bei unseren Konfirmanden – weniger wegen des Inhaltes, sondern vor allem deshalb, weil sie – einschließlich der Predigt – wesentlich kürzer sind als die Sonntagsgottesdienste. Und weil man bei den Domandachten nicht singen muss ...
25 Jahre – gemessen am Alter unseres Kaiserdoms, der auf mittlerweile 877 Jahre zurückblicken kann, ist das herzlich wenig. Und wenn man gar biblische Dimensionen zugrunde legt, wonach vor Gott tausend Jahre nicht mehr sind als ein einziger Tag, dann ist unser Jubiläum heute nicht der Rede wert.
Aber Zeit ist relativ, und es kommt immer auf die Perspektive an, aus der man etwas betrachtet. Im Leben eines Menschen sind 25 Jahre wieder ein durchaus bemerkenswerter Zeitraum – immerhin fast ein Drittel der heute durchschnittlichen Lebenserwartung. Und wenn Eheleute heute 25 Jahre miteinander verheiratet sind, dann ist das schon eine respektable Leistung in der heutigen Zeit, liegen sie damit doch weit über dem aktuellen durchschnittlichen Verfallsdatum einer deutschen Ehe, das bei 13 1/2 Jahren anzusiedeln ist.
So betrachtet sind 25 Jahre dann auch wieder ein bemerkenswerter Zeitraum. Und wenn man bedenkt, was in diesen 25 Jahren alles geschehen ist und sich verändert hat ... Vor 25 Jahren stand in Berlin noch die Mauer, und Deutschland war geteilt. Vor 25 Jahren hieß der Bundeskanzler noch Helmut Kohl, in Niedersachsen regierte noch Ernst Albrecht, und Ronald Reagan war amerikanischer Präsident, und der Bürgermeister von Königslutter hieß noch Alfred Küchenthal. Handys waren damals noch eine Rarität, und ich habe meine Ansprachen noch auf der alten Schreibmaschine und nicht wie heute auf dem Computer geschrieben. Und graue Haare hatte ich damals auch noch nicht ...
Etwa 750 Ansprachen sind hier in diesen Jahren gehalten worden, und auf wahrhaft astronomische Zahlen käme man, wenn man mal die Noten zusammenzählte, die in all den Jahren von den Chören gesungen und von den Solisten und Orchestern gespielt worden sind.
„30 Minuten Besinnung bei Wort und Musik“. Unter diesem Motto stehen unsere Domandachten seit 25 Jahren. Übrigens – am Anfang waren es nur 20 Minuten. Das hat allerdings nie ausgereicht – vor allem den Musikern nicht, die Ansprache dauerte nie länger als zehn Minuten. Eine gute Übung, in kurzer Zeit etwas Wesentliches zu sagen. Oder um es mit einem Sprichwort auszudrücken: „In der Kürze liegt die Würze“. Ich weiß, dass gerade dies nicht zu meinen starken Seiten gehört.
Natürlich fragt man sich als Prediger – was ist denn nun eigentlich von all diesen Worten geblieben? Woran können sich deine Zuhörer erinnern? Was ist von diesen Worten haften geblieben? Wo hat sich dadurch etwas verändert – bei der Andachtsgemeinde und auch bei mir selber?
Aber da haben wir Prediger mit den Musikern etwas gemeinsam: Wir können die Wirkung unserer Worte genauso wenig messen wie die Musiker die Wirkung ihrer Töne.
Jesus hat uns Prediger da einmal mit einem Landwirt verglichen – einem Sämann, wie es in der alten Luther-Übersetzung heißt. Dieser Sämann sät den Samen aus, ohne genau hinzuschauen und auf die Bodenverhältnisse zu achten – großzügig und hoffnungsvoll zugleich. Und darum fällt einiges von den Samenkörnern auf den Weg, und die Vögel kommen und fressen es auf. Anderes fällt auf felsigen Boden, geht bald auf und verwelkt unter den ersten Sonnenstrahlen, weil die Pflanzen nicht im Erdreich verwurzelt sind. Andere Samenkörner fallen unter die Dornen und werden von ihnen erstickt. Aber etwas fällt auch auf gutes Land und bringt Frucht – dreißigfach und sechzigfach. Und Jesus schließt sein Gleichnis mit den Worten ab: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Matthäus 13,4-9)
Uns Predigern ergeht es da nicht anders als dem Sämann, dessen Saat nicht überall aufgeht. Auch unsere Worte haben es nicht leicht, Gehör zu finden in einer Zeit, in der wir täglich mit vielen Worten konfrontiert werden – in den Zeitungen, im Radio, im Fernsehen, im Internet. Eine wahrhaftige Flut von Worten, in der wir förmlich zu ertrinken drohen. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat es eine Zeit gegeben, in der wir mit Informationen so zugeschüttet worden sind wie heute. Da ist es nicht einfach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Was ist Wahrheit? Was ist nur die halbe Wahrheit, und was ist schlicht und einfach nur Lüge? Welche Worte sind hilfreich und welche verwirren uns nur? Und in unserer schnelllebigen Zeit sind die Worte von heute manchmal morgen schon überholt.
Welche Chance haben in diesem Meer von Worten unser Ansprachen und Predigten?
Da lobe ich mir die Geduld und Großzügigkeit des Sämanns, von dem Jesus erzählt, der aussät und einfach darauf vertraut, dass das eine oder andere auf fruchtbaren Boden fällt.
Nein, wir können das nicht kontrollieren und darüber auch keine Statistik führen, was von unseren Worten ankommt. Wir können wohl die Jahre zusammenzählen und dann 25-jähriges Jubiläum unserer Domandachten feiern. Aber was sie bewirkt, bewegt und verändert haben, das können wir nicht messen. Und das ist gut so.
Unsere Worte sind ja auch nur menschliche Worte. Gottes Wort begegnet uns nicht anders als im Menschenwort. Ob unsere Worte etwas bewegen und verändern – das macht sie dann erst zu Gottes Wort. Denn Gottes Wort sind nicht die bedruckten Seiten zwischen zwei Buchdeckeln, sondern – wie Luther es ausgedrückt hat – die „viva vox Evangelii“ – die lebendige Stimme des Evangeliums. Und darauf kann man dann vertrauen, dass sein Wort ankommt bei denen, die sie hören und auch bei uns Predigern selbst und das unsere stümperhafte Worte sich verwandeln in das Leben schaffende Wort Gottes. Wo das geschieht, da ereignet sich so etwas wie ein Wunder. Und Wunder kann man nicht herbeireden, aber Wunder gibt es immer wieder – hoffentlich auch bei unseren Domandachten und Gottesdiensten hier bei uns am Kaiserdom.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Wir laden herzlich ein zur nächsten Domandacht am Samstag, den 19. Mai 2012, 17 Uhr. Matthias Wengler spielt dann an der Domorgel Werke von Johann Sebastian Bach.

